DIE TIEFBURG

Tiefburg-cr-webDie Tiefburg in Heidelberg-Handschuhsheim Nördlich von Heidelberg in der Rheinebene, am Fuß des geschichtsträchtigen Heiligenbergs liegt das 1903 eingemeindete ehemalige Dorf Handschuhsheim mit heute rund 16.000 Einwohnern. Seine erste Erwähnung fällt bereits in das Jahr 765, als ein fränkischer Edelmann in einer Schenkungsurkunde der Abtei Lorsch den ihm gehörenden Weinberg in – nach damaliger Schreibweise –“Hantscuhesheim“ am Neckar im Lobdengau vermachte.

Auch die Römer haben hier ihre Spuren hinterlassen. Reste von Wohnungen, einer Villa und einem Gräberfeld am Hilzweg sowie einem Tempelbezirk auf der Kuppe des Heiligenbergs sind noch heute zu sehen. Während des 12. Jahrhunderts ist es das Geschlecht der Edlen von Schauenburg, das seine Herrschaft über Dossenheim, Handschuhsheim und Neuenheim wie auch die Klöster auf dem Heiligenberg begründen kann. Später hat das Geschlecht derer von Handschuhsheim hier seinen Sitz, von dem das Dorf Namen und Wappen bezieht und deren Tiefburg sich in der Ortsmitte erhalten hat.

Die Tiefburg lebt im Schatten des Heidelberger Schlosses am Neckar, sie ist daher weniger bekannt. Mit ihren von Efeu umsponnenen Außenmauern hinter einem breiten, tiefen Graben ist sie aber fast ebenso romantisch. Die Wasserburg besaß ursprünglich im frühen Mittelalter wohl noch Wirtschaftsgebäude und eine Vorburg außerhalb des Grabens. Baureste sind in den umliegenden Häusern noch zu erkennen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist sie vermutlich in den wesentlichen Teilen umgebaut worden. Heute ist nur noch die innere Burg mit ihrem großen Hof, der im Mittelalter überbaut war, erhalten. Es gibt noch ein altes Ritterwohnhaus mit einem Rittersaal. Die Burg ist von einer fast zwei Meter dicken Mantelmauer und dem alten Graben umgeben. Schießscharten, Fenster und Erker lockern das Bild auf. Außerdem gibt es zwei große Gewölbekeller. Durch das rundbogige Tor ist die Burg über eine später angelegte kleine steinerne Brücke zugänglich. Der letzte Bogen war einst eine Zugbrücke. Darüber in der zurückversetzten oberen Mauer sind noch Reste der Zugmechanik für das Fallgitter zu erkennen. Neben dem Burgtor ist eine „Pechnase“ angebracht, die aber dort für Verteidigungszwecke absolut wirkungslos gewesen wäre. Es ist daher wohl eher zu vermuten, dass es sich um einen Aborterker des dahinter gelegenen Kemenatenhauses handelt.

Die Tiefburg und die zu ihr gehörige Adelsfamilie haben eine alte, weit in das Mittelalter zurückreichende Geschichte. Schon im Jahre 910 taucht der Name einer Magareth von Handschuhsheim auf, die einen Ritter von Hirschhorn heiratete. Anfangs hatte das Geschlecht als Lehensträger des mächtigen Klosters Lorsch eine Burg am Abhang des Heiligenberges, die um 1130 erwähnt wird. Die ältesten Teile der Tiefburg dürften aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammen. Diese Burg war nur knapp 200 Jahre bewohnt, denn der letzte Ritter von Handschuhsheim wurde als Fünfzehnjähriger im Dezember 1600 wegen eines Streites um Repräsentation am Kurfürstenhof, von seinem Vetter, dem ebenfalls jugendlichen Ritter von Hirschhorn, im Zweikampf auf dem Marktplatz in Heidelberg verletzt. Er starb am 31. Dezember 1600, damit sank der letzte Ritter von Handschuhsheim ins Grab. Seine Mutter, die Beußerin von Ingelheim, verfluchte in ihrem Schmerz das Geschlecht der Hirschhorner. Trotz mehrerer Kinder überlebten die Hirschhorner die von Handschuhsheim nicht.

Die Grafen von Helmstadt, damals noch Freiherren, erbten 1624 die Tiefburg und die Handschuhsheimer Besitzungen. Sie lebten aber nur kurze Zeit dort, denn im Dreißigjährigen Krieg und besonders in den französischen Erbfolgekriegen im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die Burg so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar wurde.

Mancherlei Sagen umweben die Burg. So sollen hier einst die Femgerichte getagt haben. Eine schaurige Geschichte soll sich wirklich zugetragen haben: Im Jahre 1770 entdeckte ein Oberstleutnant von Helmstadt zusammen mit einem Besucher in der Stirnwand des zweiundzwanzig Meter langen Kellers – dort wo heute der Thron des hohen Reyches Haidelberga steht – eine bis dahin unbekannte Nische. Als die dünne Vorderwand entfernt wurde, fand man einen Ritter in seinem Harnisch, der dort lebendig eingemauert worden war. Durch den Eintritt der Luft sank der Körper zusammen. Die Rüstung erhielt der Kurfürst Karl Theodor. Das Gegenstück zu dieser grausamen Handlung soll auf der Burg Hirschhorn geschehen sein. Dort wurde die Frau des in der Tiefburg gefundenen Ritters aus dem Geschlecht der Sternenfels lebend eingemauert. Beide Taten wurden angeblich ausgeführt, um die Geschlechter deren von Hirschhorn und Handschuhsheim nicht aussterben zu lassen, Trotzdem gab es dort schon kurz nach 1600 keine männlichen Erben mehr.

1950 verkaufte Graf Bleickard, Sproß der Familie von Helmstadt, die Tiefburg an die Stadt Heidelberg. Wenig später gelang es den Schlaraffen des Reyches Haidelberga, einen der beiden damals in ruinösem Zustand befindlichen historischen Keller langfristig von der Stadt Heidelberg zu mieten und unter hohem finanziellen Einsatz zum eigenen Rittersaal auszubauen. Die Burgweihe konnte schließlich im November 1962 gefeiert werden. Man kann sich keinen geeigneteren Rahmen für das ritterliche Spiel der Schlaraffen vorstellen, als diese echte, alte Ritterburg. Hier kann die Haidelberga mit ihren Gästen in einer romantischen Umgebung und im ritterlichen Geist ihren schlaraffischen Idealen in der Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor nachgehen.

Im Jahre 1969 übertrug die Stadt Heidelberg die Verwaltung der Tiefburg dem Stadtteilverein Handschuhsheim e.V. Seitdem wurden umfangreiche Renovierungs- und Erneuerungsarbeiten vorgenommen, die dem Ausbau der Ritterstube und die Einrichtung einer Geschäftsstelle im Obergeschoss des Herrenhauses, dem Aufbau eines Heimatarchivs, der Überdachung eines Teils des Innenhofes und schließlich der Renovierung und Herrichtung des zweiten Gewölbekellers zum „Walter-Genthner-Keller“ galten.

2012 überarbeitete Zusammenstellung von weiland Ritter Aber gern (53)